Dienstag, 5. November 2013

2 x gezwickt "Das Hirnzwickerl" Herbstzeit - Auszeit - Zeit für Ruhe

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Herbstzeit - Auszeit 
Zeit für Ruhe 


. . . Auch ich bedarf 
        wie die Natur dringend der Ruhe

Jedes Jahr das gleiche Theater: 
Sobald die Tage kürzer werden, will mein Körper sich diesem Rhythmus anpassen. Bei Eintritt der Dunkelheit, wenn die Vögel ihre Schlafplätze bezogen haben, werde auch ich schläfrig und würde am liebsten mit den Piepern zu Bett gehen und mit ihnen beim Sonnenaufgang wieder aufstehen. 

Von wegen "Frühjahrsmüdigkeit" - bei mir meldet sich regelmäßig jedes Jahr die Spätjahr-Müdigkeit!

Nun neigt auch dieses Jahr sich allmählich dem Ende zu. Der Winter war diesmal so lang, der Sommer wunderbar doch viel zu kurz. Anfang Oktober diesen Jahres hatten wir schon wieder Schnee bei uns in den Bergen.



Noch einmal will ich auf meinen ganz besonderen Lieblingsberg mit der Bahn hochfahren. Ich will die Zeit nutzen, wer weiß schon wie lange das Wetter auf meiner Seite stehen wird? Die Revision der Bahn steht kurz bevor.
Heute ist es ein besonders herrlicher Tag: 
Die warme Herbstsonne scheint vom bayerisch-blau-weißem Himmel. Im Tal ist der Schnee geschmolzen. Die Spatzen zwitschern laut auf der Gartenhecke, jeder von ihnen will das Sagen haben. Jetzt ist noch Zeit, wenn die Touristen in ihren Ferienwohnungen und ihren Hotels beim Frühstück sitzen, die meisten Leute beim samstäglichen Einkauf sind. Dieses Kaiserwetter wird die nächsten Tage noch anhalten. Wie gewohnt nehme ich eine der ersten Gondeln.


Dort oben auf dem Berg 
habe ich endlich wieder einmal Ruhe vom ständigen Baulärm, der einfach nicht aufhören will. Ruhe vom Autoverkehr. Ruhe von trampelnden Nachbarn, die aufgrund ihrer Landesherkunft keine Hausordnung lesen können. Ruhe vom Hund im nachbarlichem Garten, der mitdiskutieren darf, wenn Frauchen sich auf der Straße unterhält, oder im Haus telefoniert – und das dauert einige lange Minuten!

Einatmen – ausatmen – einatmen – ausatmen! 

Es ist herrlich! 
Meine Blicke schweifen über die Alpenkette, hinab in die Täler, hinauf in den blauen Himmel, über glitzernde Schneefelder, hinein in das gleißende Sonnenlicht. Einatmen – ausatmen!



Gute Möglichkeiten um Kraft, Inspiration, 
Erholung und Entspannung für Körper und Seele zu finden. 

Vieles erscheint 
uns Menschen so wichtig womit wir unsere Zeit qualifizieren, um letztendlich festzustellen, wir können sie nicht festhalten. Wir sind nicht Herr unserer Gedanken, ruhelos fliegen wir wie diese von Gestern gerade so in die Zukunft und verpassen uns selber. „In der Ruhe liegt die Kraft“, besonders in der Natur, und diese brauche ich sehr, ich will sie mir jetzt holen. Hier oben fühle ich mich sehr glücklich. Mildes Wetter, reine Luft, starker Fels unter meinen Füßen und Ruhe – was will ich mehr!

Inzwischen 
habe ich meine Runde gedreht, Natureindrücke mit dem Fotoapparat festgehalten, um sie mit Euch wieder zu teilen. Die Ausflügler werden langsam mehr. Jetzt habe ich Lust auf einen Kaffee auf der Alm. Ganz sicher werde ich jetzt noch alleine sein können.















  


             
                                                          
Tatsächlich sind um diese Zeit die meisten Tische noch frei.

    

So wähle ich 
einen in der Nähe einer allein sitzenden Dame, trinke meinen Kaffee. Stift und Papier liegen bereit, die Ideen im Kopf will ich jetzt niederschreiben. Wie schön es heute für mich ist. Ich denke an die letzten Sommertage, wo ich hier schon die seltsamsten Touristen erlebt habe. Doch weg mit diesem Gedanken, jetzt will ich schreiben.

Augenblicklich 
ist es vorbei mit der Ruhe an diesem göttlichen Vormittag mitsamt all seinen noch immer leeren Tischen.




Zu der Dame an meiner Seite gesellen sich 7 weitere Personen. Tische werden verschoben, Stühle zusammengerückt, Platz gemacht. Der mitgebrachte Wein aus dem Supermarkt wird aus Rucksäcken geholt und in die ausgetrunkenen Kaffeetassen eingeschenkt. Form krönt erhaben auf Gläsern mit goldenem Weißbier. „ Hurra, endlich Wochenende!“


      Die Gespräche sind laut über alle Tische hinweg, wohl weil sie sich alleine fühlen. „Gemeinsamkeit macht Halbstark“ fällt mir ein.

Ich flüchte 
mich in die Ecke der Alm an einen anderen herrlichen Tisch mit wohlgefälliger Sicht in die herbstlichen Berge. Schließlich will ich nicht ungeladener Zuhörer sein, wie wenig ich auch Lust verspüre, meine Gehörgänge mir mit Unsinn verstopfen zu lassen. Ich will meinen eigenen Gedanken nachhängen können.

Nicht endende Themen 
über Krankheiten werden fanatisch und weiterhin lautstark von jedem gewürdigt, diskutiert, und finden doch keine gemeinsame Erkenntnis. Die eigene Knieoperation wird mit einer hier nicht anwesenden Person eifrig verglichen, Meniskusverletzungen erläutert. Unfälle detailliert beschrieben. Dann folgt noch die unerwünschte Gewichtszunahme nebst dem dickem Bauch einer hier abwesenden Person schockierend und bildlich erläutert. Das lässt den Herrn am Nebentisch mit vermutlich unvermeidlichem da altersbedingtem Rettungsreifen um seine Taille laut auflachen.

Ein paar Tische sind nun besetzt. 
Es ist bald Mittagszeit. Am anderen Ende des Lokals klingelt laut ein Telefon „ring, ring – ring, ring“ – da das nicht möglich sein kann, muss es sich vermutlich um ein Handy handeln. Der unvermeidliche und überaus wichtige Report über den augenblicklichen Aufenthalt „auf einer Alm in den Bergen bei herrlichem Wetter und Würste mit Kohl" auf dem Teller lässt sicher den Anrufer in "Gemnitz" vor Neid erblassen denke ich mir. Mein Blick erfasst jetzt einen Herrn wohl im Rentenalter, und wie so oft zu beobachten, ohne Hörgerät. Dies erklärt gefühlte Lautstärke 9 von 10 auf meiner imaginären Skala.

      Wir erfahren, dass es seinem Rücken wieder gut geht, die Wein- und Bierselige Gruppe nickt ihm aus kleinen Augen wohlwollend zu, und erfreut sich an neuem Gesprächsstoff.

Am anderen Nebentisch 
 sitzt ein Mann, blinzelt mich an. Vor seinem Speckbrettl entblößt er jetzt seinen muskulösen Körper, um sein T-Shirt zu wechseln.


Vier Damen tauchen auf. 
Obwohl noch einige Tische frei sind wollen sie sich zu mir setzen, auch wenn der eine Stuhl nun völlig abseits steht, das macht Ihnen gar nichts aus. Erfahrungen werden ausgetauscht über Haarschnitte und Haarausfall,  über die Vorzüge von Asthmaspray beim Joggen auf den Berg. Durch verbesserte Atmung lässt sich nämlich mit diesem Medikament wesentlich Zeit für den Aufstieg gewinnen. Wenn das nicht bemerkenswert ist! Welch ein Glück, dass sie freiwillig Asthmaspray nehmen dürfen und nicht müssen, sich in ihrer sportlichen Leistung damit beflügeln können. Mir sind damit leider noch immer keine Flügel an den Füßen gewachsen, obwohl ich leider vor einigen Jahren dieses Medikament täglich nehmen musste. Darüber werde ich wirklich in Ruhe und ernsthaft nachdenken müssen, sobald ich Ruhe finden werde. Glücklicherweise sind die vier Damen mit entschuldigenden Worten zu ihrer Gruppe um die Ecke abgewandert, dort wurde etwas frei.

Einatmen – ausatmen … 
Ich schließe meine Augen, die Sonne genießen will ich


Plötzlich werde ich angesprochen.
„Ich sehe, Sie haben den schönsten Tisch hier und sind auch allein wie ich. Vorhin habe ich mich nicht getraut Sie anzusprechen. Dann haben diese Frauen an Ihrem Tisch gesessen. Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, jetzt sind wir beide ja wieder alleine!“ zwinkert er mich an.

Ich blinzle 
von der Sonne geblendet zurück. Ach, das ist ja der Oben-ohne-Halbnackerte vom Nebentisch jetzt in blauem T-Shirt, oh. Die anderen Tische sind inzwischen gut besetzt, und ich entschließe mich nun doch endgültig, den Rückzug anzutreten, mit der Gondel hinunterzufahren. Diese Niederlage lässt den hoffnungsvollen Mann mit diesem wunderbaren Körper nicht entmutigen. Allerdings erscheint mir sein Vorschlag doch sehr lächerlich, auf seinem „Rücken heruntergetragen werden zu dürfen“.


Das eindringliche Rufen 
meiner Gartenliege auf der Terrasse und meines selbstgebackenen Kuchens lassen sich beim besten Willen nicht mehr unterdrücken. Ich verzichte auf vielversprechenden Abtransport, auf unterhaltsame Neuigkeiten, auf bildende Krankenberichte und begebe mich nach Hause.

Schon von weitem höre ich, 
in meiner Wohngegend wird ein mir bis jetzt unbekannter Wald mit lauter Motorsäge abgeholzt. Ach nein, das ist nur der nette Mann von nebenan, der sein Winterholz auf der Straße zersägt. Das monotone Gebell des Nachbarhundes wie immer zu jeglicher verbalen Auseinandersetzung allzeit bereit und im Zwiegespräch mit Frauchen und ihrer Gesellschaft geht sogar völlig unter.

Ich entscheide mich 
für Ohrstöpsel in den Ohren statt MP3-Player auf den Ohren „an Kokos-Zitronen-Dattelkuchen, garniert auf Sonnenliege“, für Sonnenbrille auf die Nase, und für ein 
entspanntes … Ausatmen!



Was für ein herrlicher Tag, ausgefüllt mit Leben!
alle Rechte vorbehalten © Katharina Hecht